Phototoxizität VS. Photosensibilität

Bevor ich in das eigentliche Thema starte, möchte ich etwas darüber erzählen wie es zu dieser Thematik/Beitrag überhaut gekommen ist.

Ich hatte ein Buch vorbestellt, dass dieses Jahr herausgekommen ist. Der Klappentext hörte sich spannend an, und ich war durchaus mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Sache herangegangen. Gerade im Hinblick auf viele Fabeln und Mythen die sich hartnäckig halten, genauso schießen auch die Bücher von Duftbotschafter*innen zum Thema ätherische Öle aus dem Boden. Teilweise mit gefährlichem Halbwissen, Anwendungsempfehlungen die sich widersprechen, Thematiken die eher auf Basis einer Produktschulung basieren als auf wissenschaftlicher Evidenz, usw. – es gibt also genug Gründe, bei einem Buch das neu erscheint zu hoffen das es sich von derlei Thematiken deutlich abhebt. Meine Erwartungen waren hoch – zu hoch wie sich herausstellte.

Gerade im Hinblick auf die vielen Menschen, die mit ätherischen Ölen inflationär umgehen, hätte ich mir hierbei besondere Sorgfalt in jeder Hinsicht gewünscht. Und besonders geärgert hat mich, als ich auf die Unterschiede der Begrifflichkeiten von „phototoxisch“ und „photosensibilisierend“ hinwies, damit genauso lapidar abgefertigt zu werden wie von der Leiterin einer österreichischen Schule für Aromatherapie, die lieber auf Begrifflichkeiten bestehen, die man heutzutage wissenschaftlich differenzierter betrachtet und betrachten sollte.

Das Buch ist gedruckt, gekauft, und wanderte leider in die hinterste Ecke meines Regals. Die Thematik bleibt allerdings lebendig und hat mich für diesen Artikel inspiriert.

Beginnen wir mal mit ein paar allgemeinen Definitionen:

Phototoxizität ist eine Eigenschaft pharmazeutischer und chemischer Stoffe. Sie beschreibt den Effekt, dass ein Stoff unter Einwirkungen von Licht, insbesondere Sonnenlicht [vergiftende (toxische)] Wirkungen auslöst, meist auf der Hautoberfläche.

[…] Chemische Stoffe, die sich durch Einwirkung von Licht, UVA- oder UVB-Strahlung so verändern, dass eine gegenüber dem Ursprungsstoff deutlich größere toxische Wirkung zu beobachten ist, wirken phototoxisch. Von einer [Photosensibilität (Dermatologie)] spricht man demgegenüber, wenn durch einen Stoff die natürliche Reaktion auf Lichteinwirkung verstärkt wird.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Phototoxizit%C3%A4t

Phototoxisch nennt man Substanzen, die unter dem Einfluss von Sonnenlicht oder auch künstlichem UV-Licht auf der Haut giftig wirken. Ein Beispiel aus der Natur ist der Saft des Bärenklau (Heracleum sphondylium) und des Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum), die nach Sonneneinstrahlung auf der Haut massive entzündliche Irritationen hervorrufen.

Quelle: https://flexikon.doccheck.com/de/Phototoxisch

Die hier so klare Trennung der Begriffe ist in der Realität des Alltags kaum wieder zu finden. Das liegt unter anderem daran, da es auf die jeweilige Betrachtungsweise und Applikationsart Bezug zu nehmen ist. Betrachtet man die Exposition der Haut, z.B. gegenüber dem Pflanzensaft, also in direktem Kontakt von Haut zu Pflanze wie beim Riesen-Bärenklau, oder von Extrakten und Destillaten in Cremes für die Haut, Ölmischungen für das Wohlbefinden, von medizinischer Applikation uvm. – so wird deutlich, dass je nachdem von welcher Art der Herangehensweise, der Konzentration und auch der jeweiligen Pflanze es einen großen Unterschied macht, ob man von giftig/toxisch oder nicht spricht.

Im Bereich der ätherischen Öle sind die Furocumarine/Furanocumarine von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang. Sie sind nachweislich photosensibilisierend wenn sie bestimmte Konzentrationen überschreiten, hautreizend in höherer Konzentration. Gleichzeitig antitumoral, stabilisierend für das jeweilige Öl, und in der Psychoaromatherpie für die beruhigende und angstlösende Wirkung verantwortlich.

Hier macht die Konzentration der Furocumarine in dem jeweiligen äth. Öl allerdings auch einen großen Unterschied:

Wenn man in einer Mischung gerade mal einen Tropfen Angelikawurzel-Öl benutzt – mehr halte ich persönlich sehr unwahrscheinlich weil der Duft an sich nicht gerade zu den schmeichelhaftesten in größerer Konzentration zählt – so liegt die Konzentration der Furocumarine in diesem Tropfen quasi fast im „homöopathischen“ Bereich, wenn ich das mal überspitzt sagen darf. Schaut man sich eine Analyse vom Angelikawurzel-Öl an, so sind die enthaltenen Cumarine (von denen die Furocumarine eine Unterart darstellen) weit unter 1% (bei der Bergamotte sind es gerade mal 0,4%) vorhanden – bis man mit diesem teuren Öl eine tatsächlich photosensibilisierende oder gar toxische Wirkung erzielt, müsste man richtig Geld dafür hinlegen und es absolut unsachgemäß verwenden. Mehr zu Angelikawurzel-Öl im Öle-Lexikon von Eliane Zimmermann: aromapraxis.de

Furocumarine gelten zur Zeit aufgrund von Tierexperimenten als auch als krebserzeugend, wie im letzten Post jedoch gesehen, auch als krebsvermindernd oder gar -verhindernd. Vielleicht gilt hier mal wieder der abgedroschene Spruch, dass die Dosis das Gift macht. In ätherischen Öle sorgen sie für eine bessere Haltbarkeit der Zitrusschalenöle, da sie antioxidativ wirken und sie verstärken die entkrampfende Wirkung von Estern.

Quelle: https://aromapraxis.de/2026/02/24/gleichzeitig-antitumoral-und-krebsausloesend-balance-als-prinzip-der-natur/

Wenn man sich also diese Definitionen schonmal zu Gemüte führt, wird klar ersichtlich, dass hier zwar zusammenhängende Phänomene beschrieben werden, die aber nicht beliebig austauschbar sind. Es sei denn man legt keinen Wert auf Korrektheit – was mich wieder zu den Ansprüchen entgegen der inflationären Literatur führt. – Für mich gehört es dazu, dass man sich mit der Thematik differenziert auseinandersetzt, und nicht blind einfach etwas herunterbetet weil das in der Literatur so beschrieben wurde/wird.

Die Sachlage, dass bestimmte Stoffe je nach Konzentration förderlich bis schädlich sein können ist eigentlich durchaus bekannt, wird aber so nicht immer differenziert. In der Kosmetik kommt da noch die Dauer hinzu, wie lange ein Stoff auf der Haut verbleibt. Wird er sofort abgewaschen wie in einem Duschgel oder Shampoo, bleibt er zumindest kurzfristig auf der Haut über eine Creme, oder wird der Stoff mittels Okklusion in die Haut eingeschlossen und verbleibt dort. Das sind wichtige Kriterien, mit denen man beurteilt wie hautverträglich eine Textur/Rezeptur ist, dazu wird aber nicht der Einzelstoff in purer und hoher Konzentration exponiert, sondern im Gesamtkonzept z.B. einer Creme.

Die Deklaration eines Stoffes kann also durchaus einem Gefahrstoff ähneln und anmuten lassen, entspricht aber nicht der Realität der Verwendung und Anwendung, und muss daher immer in Bezug gesetzt werden.

Das führt auch dazu, dass man die Gefahrstoff-Liste der EU differenzierter betrachten muss.

Wenn isolierte Stoffe in großen Mengen an Ratten verfüttert werden, ist das eigentlich nicht auf den Menschen übertragbar. Weder in der Wirkung noch Nebenwirkung. Es gibt einen klaren Hinweis, dass die orale Aufnahme großer Mengen dieses Stoffes sehr schädlich sind – mehr erstmal nicht. Von einer transdermalen Aufnahme in einer vernünftigen Verdünnung ist man da um das hundertfache entfernt. – Nach dieser Logik der EU, müsste man von vielerlei Stoffen warnen, denn das Leben ist nicht nur giftig zu uns, sondern auch tödlich.

Fazit:

  • nichts wird so heiß gekocht wie es gegessen wird
  • idealerweise sollte pflegende (eigentlich auch dekorative) Kosmetik essbar sein
  • ätherische Öle sollten nicht oral eingenommen werden
  • die Dosis macht das Gift
  • kein Mensch ist unfehlbar – selbst graue Magier nicht
  • Anspruch sollte dennoch vorhanden sein, gerade wenn man sich als internationale Fachfrau betitelt
  • nicht alles was sensibel macht ist per se giftig
  • wer einseitig nur von phototoxisch spricht, betrachtet nicht differenziert
  • wenn äth. Öle als phototoxisch deklariert werden, basiert dies auf Tierversuchen des isolierten Einzelstoffs
  • Reminder: äth. Öle sind Vielstoffgemische, keine (isolierten) Einzelstoffe

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