Empathie & Impathie als Schlüssel für mehr Resilienz und Stressbewältigung

Jeder kennt diese innere Stimme, mit der wir mit uns selbst sprechen, uns be-urteilen, Fokus setzen oder in einer Art innerem Dialog mit einer Entscheidung ringen. Oftmals sind wir dabei ziemlich gnadenlos mit uns Selbst, und je nach Erfahrungen, besonders in den Zeiten der Erziehung in der wir aufgewachsen sind, benennen wir uns Selbst auch mit Kraftausdrücken.

„Wie dumm bist du/ich eigentlich“, „Ich Hornochse“, „Ich bin so blöd“, „Das hätte ich besser machen müssen“ usw.

Hören wir diesem inneren Dialog einmal aufmerksamer zu, so zeigt sich oftmals ein Bild, bzw. Muster, dass wir mit uns selbst nicht nur schonungslos sondern sogar herrisch, grausam und auch verletzend umgehen. Wir fügen unserer Psyche quasi täglich tausend kleine Schnitte zu. Dabei ist davon unabhängig, wie empathisch oder narzisstisch wir selbst sind.

Jeder Mensch trägt eine einzigartige Persönlichkeit in sich – ein komplexes Zusammenspiel aus Stärken, Schwächen, Eigenarten, Bedürfnissen (Verlangen, „Eros“ im altgriechischen Sinne), archetypischen Strukturen, Seelenanteilen, kulturellen Besonderheiten und Werthaltungen (soziokulturelle Eigenschaften), epigenetische Fragmente und Erfahrungen.

Dazu helfen uns Empathie und Impathie, und sie markieren zwei Seiten einer Medaille:

  • Empathie: Ich nehme die Gefühle, die Situation des anderen wahr und versuche sie zu verstehen.
  • Impathie: Ich nehme mich, meine Gefühle, meine Situation wahr und versuche sie zu begreifen.

Empathie: Ich versuche dich verstehen

Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle und Perspektiven eines anderen Menschen wahrzunehmen und nachzuvollziehen. Sie verbindet Verstand und Herz und befähigt uns, das Erleben eines anderen zu verstehen und mit seinen Emotionen mitzufühlen.

Es gibt drei Formen davon:

  1. Emotionale Empathie: das Mitfühlen mit den Emotionen des anderen, bis hin zur Adaption dieser Gefühle; man nennt sie auch emotionale Sensitivität
  2. Kognitive Empathie: das intellektuelle Verstehen der Gedanken, Absichten und Gefühle eines anderen, und daraus korrekte Schlussfolgerungen zu ihrem Verhalten abzuleiten
  3. Soziale Empathie ermöglicht es, sich auf Menschen mit ganz unterschiedlichen Merkmalen einzustellen, deren Verhalten zu verstehen und zu beeinflussen – Stichwort Gruppendynamik.  

Empathie ermöglicht tiefere Beziehungen, weil sie Nähe und Vertrauen fördert. Empathie hilft uns, Konflikte zu lösen, Brücken zu bauen und einfühlsam auf die Bedürfnisse anderer einzugehen.

Empathie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Fähigkeit, die wir entweder besitzen oder bewusst entwickeln können. Sie basiert auf Offenheit und der Bereitschaft, zu verstehen, ohne sofort zu bewerten.

4 Säulen der Empathie

Empathie setzt sich aus 4 Säulen zusammen: 

  • Wahrnehmung: Mimik, Gestik, Körpersprache, Stimmlage und Aussagen anderer werden leicht interpretiert. Man erkennt, wie es einer anderen Person geht.
  • Verständnis: Ursachen, Motive und Umstände für die Gefühle einer anderen Person sind nachvollziehbar. Man versteht, warum es einer anderen Person so geht.
  • Resonanz: Durch Worte und Taten werden Mitgefühl, Rücksicht und Akzeptanz vermittelt. Man nimmt wahr, wie man selbst mit der Gefühlslage anderer umgeht.
  • Antizipation: Man kann absehen, wie sich eine Person künftig verhalten wird. Man weiß, ob sie mit einer Situation rational oder emotional umgehen wird.

Impathie: Ich versuche mich verstehen

Die deutsche Psychologin Prof. Dr. Stefanie Neubrand gab, vereinfacht ausgedrückt, der nach innen gerichteten Empathie den Namen Impathie, eine Wortschöpfung geboren aus introversiver Empathie. Der Begriff Impathie ist weniger geläufig und wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich interpretiert.

Impathie dient als Orientierungshilfe für die eigenen Verhaltensweisen. Impathie ist die Voraussetzung für Selbstmitgefühl.

„Impathie ergänzt die Empathie und ermöglicht es, Mitgefühl zu zeigen, ohne dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten.“

Diese Balance ist entscheidend für unser emotionales Wohlbefinden und für nachhaltige Beziehungen, sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Kontext. Impathie schützt den Einzelnen und stärkt zugleich die Qualität der Unterstützung, die wir anderen bieten können. 

Aus Sicht von Neubrand ist Impathie eine Fähigkeit, die aus vier grundlegenden Teilfähigkeiten besteht. Neubrand beschreibt diese als die vier Dimensionen der Empathie:

  1. Wahrnehmung: Die Fähigkeit, sich selbst und sein inneres Erleben aufmerksam wahrzunehmen.
  2. Metaposition: Die Fähigkeit, eine innere Beobachterposition einzunehmen und die eigenen Gefühle aus einer distanzierten Perspektive zu betrachten.
  3. Verständnis: Die Entwicklung eines tieferen Verständnisses für sich selbst und die eigenen Gefühle, um sich selbst besser kennenzulernen.
  4. Annehmende Haltung: Die Fähigkeit, den eigenen Erfahrungen mit Offenheit und Neugier zu begegnen, ohne sie zu bewerten.

Impathie fördert bzw. unterstützt, dass wir unseren „sicheren Ort“ kennen. Und das wir dort uns selbst regulieren, und dass wir dort spüren, wie wir „innen weiter werden“ und so Zugang zu Selbst-Mitgefühl und Selbst-Vergebung finden, und in der Folge wirkliche Verbindung erleben können. WENN wir das wollen.

Wo bin ich mit meiner Aufmerksamkeit?
Das ist dabei die zentrale Frage. Und: „Bejahe ich das, was ich jetzt hier in mir erlebe/sehe/spüre?“

Handlungsorientiert klänge es vielleicht so: „Bemerke ich, was geschieht? Erinnere ich, was „hilfreich, lebensdienlich bzw. nährend“ wäre? Und tue ich, was jetzt möglich ist?“

Kurz zusammengefasst:
Wenn ich impathisch innehalte und mich achtsam erlebe, komme ich in Kontakt, mit mir selbst und mit anderen und kann zugleich selbstbestimmt sprechen und handeln.

Impathie ist „Empathie für mich selbst“ und die Schlüssel-Fähigkeit zu Selbst-Mitgefühl

Der Unterschied liegt im Fokus: Empathie richtet sich nach außen und beschreibt die Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und nachzuempfinden. Sie fördert soziale Bindungen und Kooperation. Impathie hingegen ist nach innen gerichtet und bezieht sich auf die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Während Empathie Mitgefühl mit anderen ermöglicht, ist Impathie der Schlüssel zu Selbstfürsorge und innerer Stabilität.

Eine gute Balance zu finden muss und kann trainiert werden. Gerade in „Helferberufen“ ist die Empathie weitgehend zu einem Lehrmodul geworden. Denn fehlende Distanz ist für unsere Gesundheit gefährlich und ein Dauerthema im Sozial- und Gesundheitsbereich. Chronischer Stress, Burnout und hohe Fluktuation sind häufig auf die fehlende Abgrenzung zu multiplen Problemlagen der Klientel zurückzuführen. Umso wichtiger ist es, sich proaktiv entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Zentral dafür ist die Unterscheidung in die kognitiven und affektiven (emotionalen) Empathie (nach Paul Ekmann).

Quelle: https://www.resilienz-akademie.com/resilienz-staerken/empathie-impathie-als-schluessel-fuer-mehr-resilienz/

Impathie ist die Fähigkeit, sich selbst mit einer annehmenden Haltung zu begegnen und sich mit all seinen Teilen, widersprüchlichen Gedanken, Gefühlen usw. wahrzunehmen und zu verstehen, ohne sich dabei von einzelnen Erlebensweisen davontragen zu lassen. Impathie ist die Voraussetzung für Selbst-Mitgefühl und eine Praxis der Sorge für sich selbst – Selbstfürsorge.

Dabei ist es, wie bei allen Mustern die wir erlernt haben, dass wir uns trainieren können achtsamer mit uns Selbst umzugehen. Und so wie man Empathie bis zu einem gewissen Grad erlernen kann, so kann man auch Impathie erlernen.

Es geht hierbei wieder einmal nicht um Perfektion, und es wird Tage geben an denen es mal besser oder mal schlechter gelingt. Auch da dürfen wir uns selbst zugestehen nicht perfekt zu sein.

Es geht nicht nur darum, die eigenen „Ticks“ und Verhaltensmuster zu erkennen, sondern auch zu akzeptieren, dass Perfektion eine Illusion ist.

«Nach innen gerichtete Aufmerksamkeit ist nicht immer gesundheitsdienlich», so Neubrand. «Viele vergleichen sich mit einem idealen Selbst – da verliert man fast immer.» Gutes Impathisch-Sein müsse man üben.

Einen Irrglauben räumt Neubrand aus dem Weg. «Impathisch sein, heisst nicht, egoistisch sein». Es gehe nicht darum, auf Kosten von jemand anderem etwas zu erreichen, sondern um ein tieferes Verständnis von sich selbst.

Quelle: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/selfcare-trend-ist-impathie-der-schluessel-zum-gesuenderen-ich

Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Bereitschaft zur Selbstreflexion:

  • Was treibt mich an?
  • Was bereitet mir Freude?
  • Welche Muster wiederholen sich in meinem Leben und warum?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht immer komfortabel, doch sie bilden die Grundlage für persönliches Wachstum.

Ergänzend Beiträge von mir:

EIN KURZER BLICK IN DIE FORSCHUNG

Der Begriff wurde von Prof. Dr. Stefanie Neubrand als eigenständiges psychologisches Konstrukt entwickelt. Erste Veröffentlichungen dazu erschienen 2013 und 2014. Ihre Dissertation wurde 2021 an der Universität Basel veröffentlicht. Gemeinsam mit Jens Gaab stellte sie das Konzept 2022 in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology ausführlich vor.

Neubrand und Gaab sprechen von einem bislang „fehlenden Konstrukt“, weil die Psychologie zwar viele Konzepte zur Wahrnehmung und Regulation des eigenen Erlebens kennt, die nach innen gerichtete Entsprechung der Empathie jedoch lange keinen klar definierten, eigenen Begriff hatte.

Die Impathie-Forschung steckt noch in den Anfängen, aber die Richtung ist eindeutig: Menschen mit ausgeprägter Impathie berichten über weniger Angst- und Depressionssymptome und zeigen eine höhere psychische Stabilität. Darüber hinaus wird angenommen, dass Impathie die Voraussetzung für Empathie darstellt. Praxisorientierte Felder wie Resilienz‑Trainings, Coaching oder Leadership‑Programme greifen das Konzept auf und integrieren Mikro‑Übungen wie kurze Selbst‑Check‑ins („Impathie‑Timer“ – s.u.) in den Alltag, um die Fähigkeit zur wohlwollenden Selbstwahrnehmung systematisch zu stärken. So verbindet sich wissenschaftliche Perspektive mit konkreten Werkzeugen für die persönliche und berufliche Praxis.

Quelle: https://lerncoach-profibox.de/impathie-die-schluesselkompetenz-fuer-resilienz-selbstregulation-und-lernen-teil-1/

ergänzende Links:

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