Vom gesellschaftlichen Rechtsruck bis hin zu brauner Esoterik

Im Moment sind Zeiten, in denen ich die Nachrichten verfolge, mitbekomme was in „sozial“ Media für Kommentare abgelassen werden, sehe und höre was Familienangehörige von Freunden so in „bester“ Stammtischmanier von sich geben – und ich müsste schon ein Schleudertrauma vom dauernden Kopfschütteln bekommen.

Wie ekelhaft rechte Polemik benutzt wird um z. B. den Anschlag auf den CSD Berlin zu kommentieren, Feindbilder zu generieren und das ganze noch mit völkischen Ideen-Müll zu garnieren. Es macht mich betroffen und fassungslos.

Extremismus in jeglicher Form, ist eine EXTREME Haltung, die durch Fanatismus, Schubladen- und Scheuklappendenken, Fundamentalismus und jegliche Form von Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit gekennzeichnet ist – mal mehr, mal weniger. Es gibt Abstufungen des Extremismus, es gibt Grau-Zonen. Aber alles was von einer friedvollen goldenen Mitte (entlehnt aus der Wortwahl des Buddhismus) abweicht, führt auf kurz oder lang in eine Spirale der Gewalt.

Und davon ist die Szene der Esoterik und Spiritualität nicht befreit. Im Wahn der Verehrung von nordischen Wikinger-Germanen Heroismus, werden völkische, rassistische und eugenische Ideale aufgebaut und verbreitet. Das ist streng genommen nicht neu, die braune Sauce bekommt durch derartigen Rückhalt in der Bevölkerung Auftrieb.

Das diese Ideen nicht nur widerwärtig und ablehnenswert sind, sondern in ihrem Kern an Idiotie nicht zu überbieten sind – sollte eigentlich außer Frage stehen. Leider zeigt sich, besonders im Neu-Germanentum, Neu-Heidentum, aber auch in anderen Denkweisen und Gruppierungen, dass diese Ideologien scheinbar wieder salonfähig sind oder zumindest gemacht werden wollen.

Aus Sicht der Biologie, Evolutionsbiologie und der allgemeinen Wissenschaft gibt es keinen Hinweis, der eine Rassenideologie rechtfertigt und unterstützt. Wer Menschen aufgrund von phänotypischen Merkmalen in Rassen aufgliedert, begibt sich auf frei erfundene oder zumindest völlig überalterte und widerlegte Ansichten. Wer diese Ansichten auch aus spiritueller Sicht ehrlich beleuchtet, verkennt den Faktor der spirituellen Verbindung, der bis in unsere DNA reicht – dass wir soziale Wesen sind. Jeder Unterschied in Sprache und Verhalten ist anthropologisch und kulturell bedingt. Und wie die Geschichte der Völkerwanderungen gezeigt hat, können sich kulturelle Faktoren rasend schnell ändern.

Wenn man molekularbiologisch oder spirituell den Menschen durchdekliniert, so kommt man auf zwei Größen heraus: entweder, wir unterscheiden uns durch kulturelle Eigenheiten und Ansichten bis hin zur absoluten Individualität unseres genetischen und molekulargenetischen Aufbaus, oder wir sind bis auf unsere Seelenmatrix fast gleich aufgebaut und unterscheiden uns lediglich durch „Aufgaben“ in unserer aktuellen Inkarnation.

Sowohl in dieser „großen“ Ansicht, als auch bis ins kleinste Detail, rechtfertigt nichts davon völkischen bis eugenischen Ideologien anzuhängen. Diese sind bar jeglicher Grundlage, verfälschen den Blick auf das wesentliche, lenken vom Kern der Dinge ab und verführen mit Überlegenheitsideologien einen Kanal für Wut, Aggression und Neid zu öffnen.

Das Sehnen nach dem Alten, nach einer Zeit in der Natur und Umwelt intakt waren, wird in eine gradlinige Sichtweise geführt, die weder Platz für Besonderheiten noch für Entfaltung bietet. Eine Romantisierung vom Überlebenskampf gekoppelt an Vorstellungen der familiären Gruppendynamiken, die jedoch bar jeglicher zivilisatorischer Errungenschaften wie Menschenrechte, Mitgefühl, Toleranz und Platz für die individuelle Entfaltung bieten. Statt diese Werte und die damit verbundene Ethik zu verteidigen, werden Ideen propagiert, die im Endeffekt dazu führen würden, genau diese Errungenschaften abzuschaffen. Dabei sägen diese Menschen an dem Ast auf dem sie eigentlich sitzen. In dieser Romantisierung der Vergangenheit, wird die Tatsache verkannt, dass genau die Personen die solche Ideologien unterstützen, in dieser Umgebung meist gar nicht überlebt hätten.

Auch Nationalstolz/Patriotismus ist so ein brandheißes Eisen. Dabei wird das meist völlig rudimentär definiert, und in Stammtischrunden unklar auf eine Ebene gehoben die diffus irgendwo zwischen mangelhaft kompensierter Eigenidentität und einer Gruppendynamik mit fehlender Zugehörigkeitskomponente fußt. Ganz im Gegensatz zum Verfassungspatriotismus.

Patriotismus, (besonders genderspezifischer) Chauvinismus, Nationalismus gehen oft bis fast immer Hand in Hand. – So wie Pegida-Anhänger neben NPD-Anhängern einst protestierten. Wenn man nicht irgendwann erkennt, dass man von Idioten umgeben ist, erkennt man das aus einem ganz bestimmten Grund nicht.

Johannes Raus sagte 1999: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“ – Das ist leider eine idealistische Betrachtung die sich nicht in der tatsächlichen Wirklichkeit abbildet.

Getragen werden Nationalstolz und Chauvinismus von patriarchalischen Strukturen und Denkmustern – besonders in und von den „Alpha“-Männern, die scheinbar durch ihre mangelnde Geschlechtsidentität einem Ideal des Über-Manns nacheifern. Durch ihre Überbetonung der eigenen Männlichkeit, Fokussierung auf äußerliche Merkmale und Verhaltensweisen scheint sich, diese innere Fragilität die diese ausstrahlen, scheinbar zu festigen. Dabei, und das ist besonders kennzeichnend sowohl für Chauvinismus als auch Nationalismus, wird diese Eigenidentität in abwertender Abgrenzung zu anderen propagiert. Alles was nicht in das kleine, sich als minderwertig empfindende daher löwenbrüllende, Chauvi-Macho Weltbild passt.

Auch wenn das Thema zu ernst ist, um hier einen witzigen Einschub zu machen, muss ich bei „Alpha“ immer wieder im IT-Jargon denken, dass dies die fehlerhafteste und fragilste Version eines Programms darstellt.

Dazu werden Femizide, genauso wie Angriffe auf Minderheiten jeglicher Art, scheinbar gerechtfertigt. Finden Anklang in der eigenen Unzufriedenheit mit Politik und Gesellschaft, dem eigenen Weltbild und Wertvorstellungen – und werden auf ihre Weise radikalisiert und auf eine fundamentalistische Grundlage gestellt. Ebenso kennzeichnend ist das Phänomen, in einer Welt die immer komplexer wird, auf komplexe Probleme einfache Lösungen anzubieten – die besonders die eigene Engstirnigkeit unangetastet lässt und sogar hofiert.

Auch in esoterischen Kreisen ist diese Denkweise nicht neu. Sie bildet sich in Gruppierungen der Thule-Gesellschaft konkret aus, sind aber in Spuren schon weitaus früher zu beobachten. Ob sich diese Strömungen zu ihrer Zeit als völkisch, rassistisch oder nationalistisch empfunden und definiert hätten, lässt sich nur schwer beantworten. Aus heutiger Sicht lässt sich das aber ganz klar verorten, und stellt das eigene Denken und die eigene Fähigkeit kritisch mit Ideen, Strukturen und Bewegungen umzugehen an den Pranger. Wer „gedankenlos“ mit diesem Feuer spielt, darf sich nicht wundern davon verzehrt zu werden.

Klare Red Flags:
  • Feindbildpflege
  • Spaltung, Diskriminierung
  • Rassismus, Antisemitismus, Bellizismus (Kriegsverherrlichung)
  • Fremdenhass
  • Sündenböcke
  • Herabwürdigung Anderer
  • Verharmlosung+Bagatellisierung
  • Selbstüberhöhung durch Verunglimpfung Anderer
  • Abwertendes und entwertendes Verhalten
  • Sozialdarwinismus und Sozialeugenik
  • Eltern dürfen ihren Kindern nicht aufgrund ideologischer Annahmen das Recht auf Schulbildung verweigern oder sie körperlich züchtigen, weil dies in ihrer Weltanschauung so vorgesehen ist.

Eine Haltung der Toleranz und des gegenseitigen Respekts einzunehmen und auch alternative Glaubenskonzepte nicht niederzumachen ist eine Königsdisziplin. Doch Toleranz darf und muss sogar dort Enden wo Intoleranz beginnt.

Das hat nichts mit Cancel-Culture zu tun, sondern ist ein Call-Out für Menschenrechte, Ethik und Würde.

Inwiefern Ausläufer der Eugenik in Transhumanismus fließen, und unsere Definition von „Mensch“ beeinflussen, wird die Zeit zeigen. Das Sehnen nach Unsterblichkeit, nach ewiger Abwesenheit von Krankheit und Tod, wird diese Ideen wohl so lange befeuern, so lange wir Menschen mit unserer Endlichkeit konfrontiert sind. Was für mich bleibt ist das „Währet den Anfängen“, die Beibehaltung meines kritischen Geistes und der Versicherung von Werten wie Menschenrechte und Ethik.

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